• Christoph Meyer

Umgang mit Niederlagen


In jeder Sportart feiert man Siege und erleidet Niederlagen, aber nur in wenigen anderen Sportarten muss der Umgang mit Niederlagen so erlernt werden, wie im Tennissport. Das gilt nicht nur für den Spieler selbst, sondern bei Kindern und Jugendlichen auch und besonders für ihre Eltern.

In Sportarten wie Fußball, Basketball und Handball hat man in der Regel einmal in der Woche ein Ligaspiel. Ein Team gewinnt, das andere verliert. Es gibt also ein 50:50-Chance. Im Falle des Sieges kann man sich für mindestens eine Woche als Sieger fühlen. Im Tennis spielt man jede Woche ein Turnier mit zumeist 16 oder 32 Teilnehmern. Bis auf einen einzigen Spieler werden alle anderen das Turnier als Verlierer beenden! Fast jeder Spieler wird also jede Woche eine Niederlage verkraften müssen. Das ist unabhängig vom Spielniveau so. Damir Dzumhur hat das Jahr 2017 als Nummer 30 der ATP-Weltrangliste beendet. Er war also der dreißigst beste Tennisspieler auf der ganzen Welt und hatte eine Matchbilanz von 36:24. Er hat also trotz seines Spielniveaus nur 60% seiner Matches gewonnen und in 31 Turnieren 29x das Turnier mit einer Niederlage beendet und ist als Verlierer nach Hause gefahren. Niemand würde wohl aber deswegen behaupten, dass er ein schlechter Tennisspieler ist.

Mit dieser Tatsache von regelmäßigen Niederlagen muss jeder Tennisspieler jeden Alters lernen zurechtzukommen. Das ist doppelt schwierig, weil Tennis ein Einzelsport ist und man im Gegensatz zu Mannschaftssportarten nicht die Teamkollegen für eine Niederlage verantwortlich machen kann, sondern der Niederlage hart und ehrlich ins Gesicht blicken muss. Das ist nicht immer einfach, aber dadurch, dass man die meisten Turniere mit einer Niederlage beendet, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich mit Niederlagen auseinanderzusetzen und aus ihnen und den Umgang mit ihnen zu lernen. Das hilft letztendlich auch beim Umgang mit Niederlagen, die man im Laufe des "wahren Lebens" einstecken muss. Deswegen nutzt einem der Tennissport bei der Entwicklung zu einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit, die sich nicht von Rückschlägen sofort unterkriegen lässt.

Das ist ein wichtiger Aspekt, den viele Eltern nicht erkennen, die aus falschem Schutzbedürfnis ihre Kinder vor Niederlagen bewahren möchten, indem sie sie von Wettkämpfen fernhalten und sie nur "zum Spaß" spielen lassen. Ein leider sehr weit verbreitetes Vorgehen der heutigen Elterngeneration, die zumeist das genaue Gegenteil der oft verschrieenen klischeehaften Tenniseltern ist. Es ist nicht der richtige Weg, wenn alle Kinder bei einem Turnier einen Pokal bekommen und es keinen Gewinner gibt. Es ist nun einmal Charakteristik des Sports, dass es Sieger und Verlierer gibt. So ist es im wahren Leben auch. Man kann nicht immer der Gewinner sein und je früher ein Kind das lernt, desto besser kann es damit umgehen. Im Gegenteil nehmen solche Eltern den Kindern sogar die Chance, aus Rückschlägen zu lernen und daran zu wachsen. Kinder müssen lernen, dass man sich Erfolg erarbeiten muss und dafür am Ende auch belohnt wird. Bekommen Kinder nur für die Teilnahme schon einen Pokal ist das nicht das richtige Signal, denn sie müssen nichts dafür tun. Die Angst vor Niederlagen ist häufig ein von Eltern gemachtes Problem. Wenn man Kinder ganz für sich allein dem Wettkampf überlässt, indem sie z.B. ein freies Match nach dem Training absolvieren, haben sie kein großes Problem damit, wenn sie verlieren.

Nichtsdestotrotz kommen gerade auch viele Eltern, die dem Wettkampf positiv gegenüber stehen, nicht mit den Niederlagen ihrer Sprösslinge zurecht und fühlen sich teils selbst als Verlierer, was natürlich Unsinn ist. So muss aber eben auch bei den Eltern der Umgang mit Niederlagen der Kinder erst erlernt werden. Der Klassiker ist natürlich, dass die Eltern noch am Platz dem Kind detailliert erläutern, was es alles falsch gemacht hat.

Jeder, der selbst einmal Wettkampfsport betrieben und Niederlagen erlitten hat, weiß, dass man in diesen Situationen seine Ruhe haben und schon gar nicht über das gerade verlorene Spiel sprechen möchte. Eltern sollten ihre Kinder zunächst also am besten in Ruhe lassen oder - wenn es nötig ist - trösten und für sie da sein. Je nach Spielertyp kann man das Match dann nach ein paar Stunden, vielleicht aber auch erst am nächsten Tag durchsprechen. Dabei sollte man darauf achten, dass man zunächst einmal anspricht, was das Kind gut gemacht hat. Danach kann man Verbesserungsvorschläge dafür machen, was nicht so gut gelaufen ist. Konstruktive Kritik ist also angesagt, damit das Kind auch einen Lerneffekt hat.

Oftmals passiert stattdessen das System der "Freiheitsberaubung", indem das Kind im Auto auf der Rückfahrt nach Hause richtig auseinandergenommen wird. Das Kind kann sich dieser Situation nicht entziehen, weswegen der Zeitpunkt der Autofahrt schon einmal keine gute Wahl für eine Matchanalyse ist. Außerdem können die meisten Eltern in der Regel gar keine objektive Matchanalyse geben, weil sie oftmals selbst keine Tennisspieler sind, aber natürlich alles besser wissen und auch machen würden, oder weil sie aufgrund ihrer Beziehung zum Kind viel zu emotional bei der Matchbeobachtung sind.

Im Idealfall sollten die Eltern positive Aspekte loben, bei wirklichem Fachwissen Verbesserungsvorschläge geben und die restliche Matchanalyse dem Trainer überlassen. Ich empfehle den Eltern immer das Führen einer Matchstatistik mittels einer entsprechenden App. Das führt zum einen dazu, dass die Eltern mit dem Eingeben der Daten beschäftigt sind und so selbst ihre Nervosität während der Matches in den Griff bekommen, zum anderen bekommen sie durch die objektiven Daten ein viel besseres Gespür dafür, ein Match zu lesen und zu beurteilen.

So lernen Spieler und Eltern mit der Zeit dann auch, dass es gute und schlechte Niederlagen gibt. Es gibt schließlich auch Niederlagen, nach denen man als Spieler mit seinem Tennis sehr zufrieden ist, der Gegner schlicht noch besser war. Gerade das ist eine Erkenntnis, die für die Entwicklung junger Spieler wichtig ist. Seine Leistung sollte man nicht nur anhand des Ergebnisses bewerten, sondern daran, ob man z.B. seine zuvor zurechtgelegte Taktik umsetzen oder neu erlernte Techniken erfolgreich einsetzen konnte. Genauso kann man natürlich auch Siege erringen, bei denen man verhältnismäßig schlecht gespielt hat. Bei der Bewertung von Siegen und Niederlagen sollte also die eigene Leistung im Vordergrund stehen, denn oftmals bestehen zwischen Spielern völlig unterschiedliche Voraussetzungen. Der Gegner spielt vielleicht schon viel länger Tennis, hat eventuell ein viel höheres Trainingspensum. Gerade das sollten Eltern bedenken, wenn sie Niederlagen ihrer Kinder beurteilen.

Das Erlernen des Umgangs mit Niederlagen ist für Spieler und Eltern ein langer Prozess, an dem stetig gearbeitet werden muss. Niederlagen gehören zum Tennissport dazu und zwar in größerer Häufigkeit als in einigen anderen Sportarten. Es hat schon einen Grund, dass über dem Eingang zum wichtigsten Tennisplatz der Welt, dem Centercourt von Wimbledon, folgendes Zitat steht:

"IF YOU CAN MEET WITH TRIUMPH AND DISASTER AND TREAT THOSE TWO IMPOSTORS JUST THE SAME."

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